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Ein Ständer zu viel

von

Wolf Dubjenko

 

"Tannenbäume sind eine Katastrophe" denke ich, als mir der verfluchte Baum zum dritten Mal umkippt. Ich knie neben ihm und kann nicht fassen, dass das Schicksal wieder einmal am Heiligen Abend mit ganzer Wucht zuschlägt. Wie jedes Jahr liegt der Baum auf dem Teppich. Die Weihnachtsbaumfüße, von denen ich inzwischen über ein Duzend besitze, liegen daneben. Aber keiner passt. Vielleicht sollte ich mir nächstes Jahr doch einmal eine Fuchsschwanzsäge zulegen. Obwohl ich zwei linke Hände habe und mich mit der Säge bestimmt schwer verletzen werde.

In der Küche brutzelt der Braten, alle Geschenke sind eingepackt, nur der Baum steht nicht. Ich wollte den Baum nicht. Ich hasse Tannenbäume. Schon seit Jahren. Genau genommen hasse ich nicht den Baum sondern das Aufstellen. Aber die Familie hat nun mal beschlossen, dass ein Baum sein müsse.

Für meine fast erwachsenen Kinder ist die Weihnachtszeit vor allem Partyzeit. Doch auf den leidigen Baum wollen selbst sie nicht verzichten. Als ich vorschlug, dieses Jahr einen Plastikbaum zu kaufen, der sich mit einem Knopfdruck wie ein Regenschirm von selbst aufstellt, protestierten alle. Besonders die Kinder.
"Weihnachten ohne Weihnachtsbaum ist kein richtiges Weihnachten!"
Nur, warum muss ausgerechnet ich, der ungeschickteste der ganzen Familie, die harte Arbeit des Tannenbaumaufstellens übernehmen?

"Das ist Männersache" sagt meine Frau "und außerdem hat mein Vater das auch immer gemacht."
Also gut. Auch heute werde ich es irgendwie schaffen. War ja erst der dritte Versuch. Ich grübele gerade darüber, welche Tricks ich noch kenne, als meine Frau in die Stube kommt.
"Schatz, ich geh noch mal kurz in die Stadt. Hier ist alles soweit fertig. Beeil dich, bitte! Du weißt, dass du heute Nachmittag meine Eltern vom Hauptbahnhof abholen willst. Punkt Drei kommt der Zug."

Kein Problem, ich habe noch fast vier Stunden Zeit. Ich brauche den Baum nur etwas anzuspitzen, dann steht er sicher im Fuß. Eine Säge habe ich ja nicht, doch zum Glück finde ich in der Küche einige Brotmesser.

Nach einiger Zeit sind die Messer alle verharzt und verbogen. Und meine Hände sehen aus, als hätte ich ohne Handschuhe als Holzfäller gearbeitet. Genauso fühle ich mich auch. Mir bleibt nichts Anderes übrig. Ich muss mit dem Fahrrad zum nächsten Kaufhaus fahren um einen richtig großen Christbaumständer zu kaufen. Genauso wie voriges Jahr.

Das Kaufhaus ist fast leer. Nur wenige Kunden irren umher. Wahrscheinlich sind sie wie ich auf der Suche nach Verkaufspersonal. Wo versteckt sich das bloß? Ich habe Glück, denn ich entdecke bald drei Verkäuferinnen, die allerdings laut über die Zubereitung diverser Weihnachtsbraten diskutieren. Als ich auf sie zusteuere, bemerkt mich eine sogar. Doch statt mich zu bedienen, dreht sie mir demonstrativ ihren Rücken zu. Wirbt dieses Kaufhaus nicht mit einem Slogan, in dem der Kunde König ist? Ich kann mich also ruhig trauen, eine der Frauen anzusprechen.

"Entschuldigen sie, wenn ich sie bei ihrem wichtigen Privatgespräch unterbreche, aber könnte mich jemand vielleicht freundlicherweise bedienen?"
"Es ist gleich Feierabend, junger Mann" sagt eine, "was woll`n Sie denn?"
"Ich hätte gern einen Weihnachtsständer, sage ich.

Die Verkäuferin grinst mich an. "Viagra gibt `s nebenan in der Apotheke."
Allgemeines Gelächter.
"Nein, äh, ich meine einen Tannenbaumständer", stammele ich.
"Sie meinen wohl einen Tannenbaumfuß", korrigiert sie mich. "Ein Stockwerk höher".
Ich hetze hoch, selbst auf der Rolltreppe laufe ich noch. Endlich, die Weihnachtsabteilung!

"Tannenbaumfüße? Da hätten Sie eher aufstehen müssen, junger Mann" sagt die Verkäuferin spitz ,"der letzte ist gerade eben verkauft worden."
Eine ältere Dame zupft an meine Jacke. "Ich kann ihnen sagen, wo es bestimmt noch Ständer für den Tannenbaum gibt. Gehen sie die Einkaufsstraße weiter, stadtauswärts, nach zweihundert Metern finden sie ein kleines Elektrogeschäft. Die haben so was."

"Himmel, es ist gleich schon halb eins. Jetzt muss ich mich aber beeilen", denke ich," wie gut, dass ich mit dem Fahrrad gekommen bin!" Ich sprinte nach draußen. Aber wo ist das Fahrrad? Ich hab` es doch hier an dieser Ecke abgestellt. Das weiß ich genau.
So sehr ich auch suche, das Rad ist weg. Jemand hat es mir geklaut. Mitten am Tag! Mitten in Barmbek! Und ausgerechnet am heiligen Abend!

Die Zeit wird immer knapper. Mir bleibt nichts anderes übrig als den langen Weg zum Elektrogeschäft zu laufen, und das bei meinem Übergewicht. Völlig außer Atem komme ich endlich dort an, stürze in den kleinen Laden. "Bitte, schnell, einen Tannenbaumständer!" sage ich, als ginge es um Leben und Tod.

"Kein Problem, mein Herr", sagt der alte Verkäufer "wie groß ist unser Baum denn?"
Kaum habe ich den Baum beschrieben, halte ich einen Allzwecktannenbaumfuß in der Hand, leicht zu bedienen und mehrfach verwendbar. Das Gerät erinnert mich zwar eher an eine Bärenfalle für Grizzlybären und ist auch viel zu teuer, aber ich kann jetzt nicht wählerisch sein. Die Zeit rennt mir unerbittlich davon. Nur noch knapp zwei Stunden, dann muss ich die Schwiegereltern vom Bahnhof abholen. Und der verdammte Baum muss auch noch aufgestellt werden. Doch mit der Bärenfalle wird es bestimmt klappen. Nur wie soll ich schnell nach Hause kommen? Mir graut davor zu laufen. Kein Taxi weit und breit und mein Handy habe ich natürlich auch wieder vergessen.

Da. Direkt vor mir sehe ich einen Fahrradladen. Das ist die Rettung! Ich habe zwar nur fünfzig Euro in der Tasche, aber vielleicht reicht es für eine Anzahlung.
"Können Sie mir ein Fahrrad leihen, sie bekommen fünfzig Euro", sage ich. Dann schildere ich der Verkäuferin meine Notsituation.

"Ich hab` eine bessere Idee", sagt sie "sie kaufen für das Geld ein Schloss. Das Fahrrad dazu schenke ich ihnen. Hier, das alte gebrauchte Rad können sie umsonst mitnehmen. Es ist zwar schon leicht angerostet, aber sonst tipptopp."

Das ist ein Weihnachtswunder, denke ich, diese Frau ist ein Engel. Schon sitze ich auf dem klapprigen und rostigen Drahtesel, stolz wie ein Herrenreiter mit einer Bärenfalle in der Hand.
Zu Hause angekommen schließe ich sofort mein Rad im Keller ein. Was sehe ich da? Mein altes Fahrrad steht auch dort.

"Stell dir mal vor, was ich erlebt hab`" sagt meine Frau, als ich in die Wohnung komme "ich habe im Kaufhaus den allerletzten Weihnachtsständer bekommen, und als ich das Geschäft verlasse, sehe ich doch tatsächlich dein Fahrrad an der Wand stehen. Natürlich nicht angekettet! Ich hab` s sofort mitgenommen. Ich weiß ja, wie vergesslich du manchmal bist... Übrigens, der Baum ist schon geschmückt."

"Der Baum schon geschmückt. Wie ist das denn so schnell möglich?"
"Ganz einfach, ich hab` die Kinder geweckt. Mit dem neuen Tannenbaumfuß ging alles ruck-zuck.."
"Dass ich nicht selbst darauf nicht gekommen bin", sage ich etwas kleinlaut.
"Macht doch nichts, aber zeig mal, was hast du denn da mitgebracht ."

"Ach, nichts. Das ist eine Bärenfalle. Für deinen Vater. Der ist doch Jäger, da dachte ich..."
"Lass gut sein" lacht sie "leg die Bärenfalle in die Kiste zu den anderen Christbaumständern. Komm, schau dir mal den Baum an."
Ich sehe den Baum an, und ich muss zugeben, er ist wirklich schön.

2003

Wolf Dubjenko