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Kartenhaus

von

Myriam Keil

 

Ich laufe mit Tritten in die alten Fußspuren, aber heute ist da noch etwas anderes, etwas aus eingefrorenen Farben, kalten Gerüchen, durchnässten Blicken. Wir treffen uns am Eingang, zehn Minuten vor der verabredeten Zeit, so machen wir das immer. Sie trägt einen hellen Mantel, einen Lichtmantel, ein Zeichen, sagt sie. Das Haus ist hoch, unendlich, Luftschloss mit Nachtfenstern und Schmerznischen. Die Wände sind aus Papier, aus bunten Bildern, blaugrüner Schlaf, der in seinem Versteck die Stunden trinkt. Als wir hinein gehen, legt sie ihren Mantel ab, streift die Hülle ab, Gleichheit, sagt sie, wir hätten den Mantel auch teilen können, eine Hälfte für dich, die andere für mich, aber ich habe es dir versprochen, keine halben Sachen mehr. Wir haben uns oft getroffen, an den ungewöhnlichsten Orten, aber niemals ist es so endgültig gewesen wie heute. Über meine Stirn streicht ein Luftzug, noch können wir gehen, sagt sie, aber im Grunde wissen wir beide, dass es kein Zurück mehr gibt, weil wir uns entschieden haben oder etwas über uns entschieden hat. Die Flure, die sich vor uns auftun, sind endlos, verschachtelt, da ist kein Sinn, sagt sie, noch nicht. Ihr Schatten tanzt über die Wände, bäumt sich auf, fällt in sich zusammen, wieder und wieder. Ihre Idee, denke ich, glaube ich, ihr Wunsch nach Entscheidung. Wir sind ohne jedes Verstehen, haltlos, kopflos, was haben wir uns dabei gedacht, unter den Narben wird es immer schmerzen. Sie nimmt meine Hand, wir gehen weiter, einen Weg durch die Erinnerungen, wie damals, sagt sie, da war niemals Sinn, heute muss er gefunden werden. In meinen Gedanken taucht ein Brunnen auf, den ich kenne und doch längst vergessen hatte, vergessen musste, um zu überleben. Der Stein fällt tief, ehe er den Grund erreicht, sagt sie, wie früher, du kannst bis acht zählen, ehe du ihn unten ankommen hörst. Im Geiste beginne ich zu zählen, eins, zwei, den Atem anhalten, drei, vier, alles anhalten, fünf, mir ist, als müsse ich ersticken, sechs, hör auf, sagt sie, sieben, ich höre auf zu zählen, atemlos, erschöpft. Die Zeit rinnt mir an den Fingern entlang wie ein Gebäude, das einstürzt, Stein für Stein, sich wiederfindet im Staub, sich neu erfindet. Sie fragt mich, wer sie sei, wer bin ich, fragt sie. Sie macht das, damit sie morgen sagen kann, ich habe doch gefragt, es ist nicht meine Schuld. Da ist etwas zwischen ihren Worten, etwas Unsicheres, das kurz verweilt und dann aufgibt. Es ist nicht wichtig, wer du bist, antworte ich, vielleicht sage ich das nur deshalb, weil man das so sagt oder weil ich die Antwort nicht kenne. Sie scheint beruhigt, lässt sich in den Traum fallen, schwerelos, lässt sich ins Bodenlose fallen, nur wer aufhört zu sein, kann das, ohne im Innern zu sterben. Ich bin dicht hinter ihr, aber ich merke, dass mir etwas fehlt, ihre Leichtigkeit fehlt mir, weil die Gedanken nicht verschwinden, nicht aufhören, die Gedanken an den Brunnen, der ohne Wasser ist, der im Staub liegt, an dem ich gewartet habe, in dem ich gewartet habe, Endloszeiten lang. Sprich mit mir, sage ich, ich habe Angst, sage ich, du bist zu schwer, sagt sie, viel zu schwer, du wirst uns beide auf dem Gewissen haben, wenn ich dich nicht loslasse. Ich fühle ihre Hand sich öffnen, meine Finger an ihren Fingern herabgleiten, ohne Halt, ohne Widerhaken, wie konnte ich das vergessen, ihre Rufe in den Brunnen hinein, niemals hat sie mich heraufgezogen aus dem Dunkel, nur geschaut hat sie, ohne Tränen, ihr Gesicht eine helle runde Fläche vor dem darüber liegenden Himmel. Wo ist der Ausgang, frage ich, meine Stimme zittert, die Wände werfen den Widerhall auf mich zurück. Unten, ganz unten, sagt sie, ich glaube ihr nicht, wir stürzen tiefer und tiefer, sie mit einem klaren Ziel, ich mit all meiner Angst, vertrau mir, sagt sie, es ist nur ein Ende von vielen. Von den Wänden fallen bunte Könige herab, fallen mit uns gemeinsam, Bilderregen, so ist das, wenn etwas aufhört. Ich weiß jetzt, wer ich bin, sagt sie, ruft sie, und es ist egal, nur ein Flüstern zwischen heute und morgen. Ich wünschte, ich könnte mich ihrer Erkenntnis anschließen, aber ich weiß nicht, bin nicht, existiere nicht, doch vielleicht ist das gut so, denn was nicht war, kann auch nicht enden. Ich drücke mich in den Schlaf, die Zeit zwischen den Fingern, die Angst auf der Zunge, ich sehe unter mich auf den Boden, der immer näher kommt, uns in Kürze einholen wird. Ihre Schwerelosigkeit wird ihr nichts nützen, denke ich, ohne es auszusprechen, sie schaut zurück zu mir, kurz vor dem Aufprall, ein Lächeln, vertrau mir, sie schließt die Augen, ein schwereloser Körper schlägt gegen die unterste Karte, das Gebäude stürzt von unten nach oben, bis zur Spitze hinauf, bis nichts mehr bleibt. Ein Haufen aus bunten Bildern türmt sich unter mir, wird mich auffangen oder zerschmettern, egal, es ist nur ein Ende von vielen. Ich schließe meine Augen, so wie sie es getan hat, bleibe gefangen in einer zeitlosen Sekunde vor dem Aufprall, nein, ich weiß noch immer nicht, wer ich bin, aber das ist ohnehin nicht mehr relevant, ich werde keine Antworten mehr brauchen, keinen nächsten Morgen mit der Frage, wessen Schuld es gewesen ist. Ich werde aufwachen, irgendwo, nirgendwo, ohne Erinnerung und ohne Angst. Um dann nicht mehr zu wissen, nicht mehr wissen zu müssen, wann der Moment da war, in dem sich alles entschied.

 

2005

Myriam Keil