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Anna

von

Diana Lühmann

 

Es war einer dieser Tage, an denen der Regen die Gullydeckel aus ihren Fassungen schwemmte. Seit Stunden sah Florian dem Grau vor seinem Fenster zu, wie es sich in dicken Tropfen vom Himmel in die Straßen der Stadt hinabseilte. Der Fußweg vor dem Haus hatte sich von einem Schachbrett aus trocken und nass in eine Kette winziger Halligen verwandelt.

Als kleiner Junge war er in Gummistiefeln und Parker an seiner Mutter vorbei nach draußen geschlichen, um in den benzingetränkten Pfützen Papierschiffchen untergehen zu lassen. Drohten die Lego-Matrosen inmitten des tosenden Meeres zu ertrinken, wurden sie von Playmobil-Cowboys gerettet, die sich mitsamt ihren Pferden furchtlos in die regenbogenschillernden Fluten stürzten. Manchmal allerdings hatten die tapferen Seefahrer kein Glück. Dann enterten Piraten die Boote und mordeten die Besatzung. Ohne Gnade. Die an Land gespülten Gliedmaßen hatte Florian in Omas Gemüsebeet beerdigt. Feierlich. Nie hatte seine Großmutter herausbekommen, wieso sie stets aufs neue verstümmelte Plastikmännchen aus ihren Mohrrüben ziehen musste.

Nachdenklich nippte Florian an seiner Tasse, nicht ohne die winzigen Schlucke Filterkaffee mit einem lauten Schlürfgeräusch auf Trinktemperatur abzukühlen. "Florian! Kannst Du nicht zivilisiert trinken? NICHT EINMAL?" Anna war immer ausgerastet, wenn er geschlürft hatte. Anna. Sie hatte es einfach nicht ausstehen können, wie er Kaffee trank. Und wie er Spaghetti aß. Und dass er schnarchte, wenn er auf dem Rücken schlief. Das waren nur einige Dinge, die sie an ihm nicht gemocht hatte, und längst nicht alle, die mit seinen Körperöffnungen zu tun hatten. Anna. Florian griff zur Tabakdose und fing an, sich eine Zigarette zu drehen, ohne Filter, auch das war ihr zuwider gewesen. Als sie zum dritten Mal kein Geschirr mehr hatten, weil Anna es liebte, ihren Unmut mit dem Zertrümmern von Tellern und Tassen an der Küchenwand abzureagieren, war sie ausgezogen. Vor vier Monaten. Kurz vor Weihnachten.

Florian zündete sich die Zigarette an, sog den Rauch genüsslich in die Tiefen seiner Lunge und schloss die Augen. Gerne hätte er sich eine Flasche Ratsherrn aus dem Kühlschrank geholt, doch er zögerte. Es war drei Uhr am Nachmittag, nach Annas Maßstäben viel zu früh für Bier ...

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2001

Diana Lühmann