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Blindgänger - Prolog

von

Annette Freudling

 

Oh, er bereute, was er getan hatte. Er war ein alter Mann, und alt zu sein machte egoistisch. Sie hatte ihn gebeten zu erzählen, und das hatte ihm geschmeichelt. Und dann hatte sie ihm so gut zugehört, so aufmerksam, und das hatte ihn verführt. Nach all den Jahren hatte er sich verführen lassen.

Was sie jetzt wohl damit machte? Oh, er war ein alter Mann, aber sie war eine junge Frau, eine warmherzige, intelligente Frau. Sie sah ein bisschen aus wie Leni damals, dunkel und schlank, und da war auch etwas in ihren Augen, was ihn an Leni erinnert hatte, als sie da saß und in ihrer Tasse rührte und so gut zuhörte. Leni hatte er es nie gesagt. Sagen wollen, ja, wollen, immer. Hunderte Male. Da hatte sie gesessen, schwarzhaarig, am Abend, wenn es ihn drückte, dass er ihr nie davon erzählt hatte. "Leni?" hatte er gesagt. Aber dann hatte ihn der Mut verlassen, immer wieder. Denn sie hätte es nicht verstanden. Sie hätte von ihm verlangt, es allen zu sagen, denn sie hatte auch ein warmes Herz, seine Leni. "Denk doch an die Kinder!" hätte sie gesagt. "An all die armen Kinder!"

Hatte er etwa nicht an sie gedacht, an die Kinder, all die Jahre lang, während er älter wurde und immer neue Jahrgänge mit ihren Tornistern durch die Gänge rannten, und hatte er sich nicht oft an ein Gesicht erinnert gefühlt unter den modernen Haarschnitten und Skimützen und den bunten Kinderbrillen, die es damals natürlich noch nicht gegeben hatte ... Aber die Kindergesichter schienen immer wiedergeboren zu werden, Jahrgang für Jahrgang für Jahrgang waren ein oder zwei dabei, deren Anblick ihn schmerzte.

Oh, er hatte an sie gedacht, all die Jahre lang, noch nach seiner Pensionierung und noch nach Lenis Tod, aber er hatte sich an die Gesichter gewöhnt, die Gesichter mit den dunklen Augen und die mit den Segelohren und die mit dem lieben verzogenen Lächeln, denen er ständig begegnete, erst in den Klassenzimmern und dann auf den Schulfluren und dem Pausenhof und schließlich auf den Straßen. Und nach und nach hatte er nicht mehr darüber nachgedacht, es Leni zu erzählen, und dann war Leni gestorben.

Und wem hätte es noch etwas genützt? Wenn Leni zu ihm gesagt hätte: "Denk doch an die Kinder, die armen Kinder!", dann hätte er zu ihr gesagt: "Ja, Leni, sie sind alle nicht mehr da, und wir können sie nicht zurückholen, auch wenn alle wissen, was mit ihnen geschehen ist." Es hätte natürlich noch Eltern gegeben, und vielleicht hätten sie Geld bekommen, Entschädigung, hieß es wohl, aber für welchen Preis? War es nicht sogar besser gewesen, sie im Unklaren zu lassen, die wenigen Eltern, die noch lebten, und ihnen noch mehr Kummer zu ersparen? Und die meisten waren sicher nicht mehr in Bremen, waren Gott-weiß-wo gelandet durch den Krieg oder nach dem Krieg, und wenn es jetzt noch welche von ihnen gab, dann waren sie so alt wie er oder noch älter, zu alt, zu alt.

Leni war zu warmherzig gewesen, sie hätte es nicht verstanden, dass es besser war, darüber zu schweigen. Sie hätte ihm vorgeworfen, nur an sich zu denken, oder an seine Position, oder an Schubi, den sie nie hatte leiden können ...

Oh, er bereute es, dass er es der jungen Frau erzählt hatte, es nach all den Jahren erzählen musste. Aber es war gewesen, als ob Leni dort gesessen hatte, als sie noch jung war, und als ob er noch eine Chance hätte, es diesmal richtig zu machen. Es war so gewesen, obwohl er wusste, dass sie eine Studentin war. Er hatte sie gelobt für das Thema, mit dem sie sich beschäftigte, und ihr gesagt, ihr Besuch hätte ihm Freude gemacht, und es sei gut, dass sie als Historikerin ihre letzte Gelegenheit nutzte ... Ja, bald würden die Letzten nicht mehr leben, und dann würde es nur noch tote Erinnerungen geben, aber sie war jung, und sie würde noch lange leben (das hatte er ihr gesagt, und sie hatte gelacht), und er würde ihr noch mehr erzählen, wenn sie wollte, von damals, denn es sei gut, darüber zu sprechen ...

Und dann war sie wiedergekommen, mit ihrem Diktiergerät, wie beim ersten Mal, und er hatte wieder Tee gemacht, und sie saß wieder da in Lenis Sessel, und er hatte das Fotoalbum gebracht. Schubis Photo, als er nach seinem Medizinstudium seine erste Stelle bekam, ein großer lachender Bursche damals mit diesem glücklichen Ausdruck der Jugend: Was kostet die Welt. Oh, bitter war die Währung, das hatte er gelernt, Schubi, genau wie er selbst.

Ihr Zuhören hatte ihn verführt. Sie war anders als Leni, sie würde nicht über ihn richten, auf einmal war er sich sicher, sie würde verstehen. Und nach all den Jahren hatte er plötzlich auf ein wenig Ruhe gehofft, denn, oh, er würde nicht mehr ewig leben, und vielleicht würden es friedliche letzte Monate werden, wenn ihn endlich jemand verstand. Er hatte aufgehört, an einen Gott zu glauben und an das Jenseits, das dazugehörte, und er wünschte sich seinen ganzen Frieden jetzt, nur ein paar Wochen lang, seinen ganzen Frieden, und nicht nur diese hohle Erwartung eines Endes, eines unfertigen Endes. Die junge Frau war seine letzte Chance auf Verständnis, und er hatte sie genutzt: Ob sie noch eine Geschichte hören wolle, hatte er gefragt, ja, sie habe mit ihrem Thema zu tun, aber es sei eine traurige, eine sehr traurige Geschichte?

Oh, er bereute, was er getan hatte. Denn er war egoistisch gewesen, ihr sein Geheimnis aufzubürden. Er konnte sehen, dass es ihr weh tat, und dass sie doch so war wie Leni, und dass auch sie bloß an die Kinder dachte, und nicht an seine Qualen all die Jahre. Er war ein alter Narr, das merkte er jetzt, denn wie hatte er auf Vergebung hoffen können, nach all diesen Jahren, von diesem hübschen Ding, das keine Ahnung hatte? Denn war ihr Leben nicht frei von all diesen Zwängen? War sie nicht frei, und war seine Freiheit nicht eine Illusion geblieben, sein Leben lang?

Was sie jetzt wohl machte? Es vergessen, wenn sie klug war, so, wie es Zeit wurde, dass es für immer vergessen wurde, von allen, und dass auch die Letzten starben, und dass diese Kinder nicht mehr wiedergeboren wurden, Jahr für Jahr für Jahr.

Der Roman "Blindgänger" von Annette Freudling ist im September 2005 im Schardt Verlag Oldenburg erschienen. (ISBN 3-89841-200-8, 12,80 Euro)

Informationen zum Roman "Blindgänger"

Zur Buchautorin Annette Freudling